Unitas in Würzburg

1875–1914

Würzburg, wenige Jahre nach der Reichsgründung: Die theologische Fakultät der Universität übt durch berühmte Professoren wie Denzinger, Hergenröther und Hettinger eine große Anziehungskraft aus. Auch wütet der von Bismarck angezettelte Kulturkampf im Königreich Bayern weniger heftig als in Preußen. Nach Würzburg zieht es daher auch den Theologiestudenten Robert Doerner. In Münster war er Mitglied der Unitas geworden, eines 1855 gegründeten theologischen Studentenvereines. In Würzburg sucht er Mitstreiter für einen neuen unitarischen Verein. Am 31. Januar 1875 findet die konstituierende Sitzung statt. Rasch wächst der junge Theologenverein. Noch im Sommersemester 1875 und im darauffolgenden Wintersemester hält der Student Franz Hitze zwei Vorträge über die soziale Frage in Deutschland – der später berühmt gewordene Sozialethiker hat bei der Unitas sein Lebensthema gefunden. 1877 wird Adolf Bertram, später Erzbischof von Breslau, bei der Unitas in Würzburg aktiv.

„Die Unitas lebe am dreifachen Ort!“
(Correspondenzblatt der Unitas zur Gründung von Unitas Würzburg, 1875)

1887 wird die Würzburger Unitas vor eine erste Bewährungsprobe gestellt. Nach dem Ende des Kulturkampfes strömen die Studenten aus Norddeutschland in ihre Heimat zurück – ein harter Aderlaß für den jungen Verein. Die Unitas beschließt darum die Öffnung für Studenten aus anderen Fakultäten: Noch im selben Jahr wird die Unitas in Würzburg zum Wissenschaftlichen katholischen Studentenverein. In der Folgezeit öffnet man sich verstärkt dem studentischen Brauchtum; zwar tragen die einzelnen Unitarier damals wie heute weder Band noch Mütze, aber zu feierlichen Gelegenheiten erscheinen die offiziellen Vertreter des Vereins jetzt in der Vollwichs, der bunten Tracht der Studenten.

„Ich bereue kein Glas Bier, das ich in der Würzburger Unitas getrunken habe.“
(Franz Hitze, Sozialpolitiker, Mitglied der Weimarer Nationalversammlung und „Vater“ der Sozialgesetzgebung, bei seinem Abschied aus Würzburg)

Einigen der Würzburger Unitarier erscheint der Ernst, mit dem die Unitas den katholischen Glauben praktiziert – gemeinsame hl. Kommunion an jedem Vereinsfest, und das in einer Zeit, da man gewöhnlich nur zu Ostern zur Beichte und zur Kommunion geht –, als zu hohe Hürde für eine Studentenverbindung. 25 Aktive scheiden deshalb aus der Unitas aus und gründen 1895 die heute noch bestehende katholische Studentenverbindung Gothia. Die verbleibenden Aktiven schaffen es, den Fortbestand zu sichern. Es folgen zwei Jahrzehnte kontinuierlichen Wachstums, und das nicht nur in Würzburg, sondern in ganz Deutschland: In fast allen Universitätsstädten entstehen in dieser Zeit Unitas-Vereine, die in einem regen Austausch untereinander stehen.

1914-1933

Der erste Weltkrieg bringt eine harte Zäsur. Die meisten Aktiven stehen im Felde. Der Krieg fordert schwere Verluste. Als im November 1918 die Waffen schweigen, sind 23 Bundesbrüder von Unitas-Würzburg gefallen.

Während viele gesellschaftliche Gruppen dem Kaiserreich nachtrauern und der jungen deutschen Demokratie skeptisch gegenüberstehen, bekennt sich die Unitas bedingungslos zur Weimarer Reichsverfassung, an deren Erarbeitung der Würzburger Unitarier Franz Hitze einen wesentlichen Anteil hatte. Es folgt eine Zeit der Blüte und des Erstarkens. 1920 wird mit Unitas-Franco-Borussia ein zweiter Verein gegründet, die Muttercorporation gibt sich zur Unterscheidung den Namen Hetania. 1924 beschließen die meisten Franco-Borussen, Band und Mütze zu tragen, und verlassen damit die Unitas. Die verbleibenden fünf Aktiven führen den zweiten Würzburger Verein weiter und nennen sich fortan Unitas-Bavaria.

1924 wird das erste eigene Haus in der Neubergstraße in der Sanderau erworben. Die Unitas in Würzburg ist personell und materiell konsolidiert.

„Habemus domum!“
(Jubelruf der Würzburger Unitas beim Kauf des Hauses 1924)

1933-1945

Auf diese Zeit der Konsolidierung folgte auch für die unitarische Gemeinschaft die schwierigste Epoche ihrer Geschichte: Die sog. „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten und die darauffolgende „Gleichschaltung“ schränkt die Handlungsfreiheit der konfessionellen Verbände massiv ein. Um diese Einschränkungen zu umgehen, beschließt die Unitas eine formale Namensänderung in Wissenschaftlichen Christlichen Studentenverein. Eine Zeitlang kann man durch solches Taktieren den Einschüchterungen und Repressionen durch die Nazis standhalten. 1935 wird das 60. Stiftungsfest noch in aller Öffentlichkeit gefeiert. Der Druck des NS-Regimes aber wächst spürbar: Um einer Beschlagnahmung zuvorzukommen, wird 1936 das Haus in der Neubergstraße verkauft. Im Juni 1938 löst die Gestapo die Unitas als „staatsfeindliche Organisation“ auf. Inoffiziell treffen sich die Unitarier weiter. Zwei Unitarier wagen bei einem dieser Treffen einen Coup: Vom Studentenhaus stehlen sie die Hakenkreuz-Fahne des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes und verbrennen diese anschließend im Kreise von Würzburger Verbindungsstudenten. Bei den anschließenden polizeilichen Untersuchungen hält alles dicht …

„Wir bleiben die Alten auch im Neuen Reich!“
(Eintrag im Liederbuch der Hetania, 4. Februar 1934)

Viele Würzburger Unitarier, vor allem die zahlreichen Geistlichen, erleiden teils schwere Repressionen durch das NS-Regime. Bundesbruder Georg Häfner, Pfarrer von Oberschwarzach, stirbt 1942 im KZ Dachau als Märtyrer – ein Blutzeugnis für den Glauben, das durch die im Jahr 2011 erfolgte Seligsprechung neu ins Bewußtsein der Gläubigen gerückt ist.

1945-heute

Parallel zum Wiederaufbau der zerstörten Stadt erwacht auch Unitas Würzburg nach den Kriegswirren wieder zu neuem Leben. 1946 konstituiert sich der Altherrenverein neu, im Juni 1947 findet die Wiedereröffnung der Aktivitas statt. Das Studentenleben im zerstörten Würzburg gestaltet sich zunächst spartanisch. Als Vereinsheim fungiert ein ehemaliger Luftschutzbunker in der Kroatengasse; hinter einem Vorhang befindet sich die Schlafstätte von sechs Bundesbrüdern. 1949 wird das Rückgebäude des Hotels St. Josef als Vereinsheim angemietet. Trotz dieser primitiven Bedingungen entwickelt sich schnell wieder blühendes unitarisches Leben: Zwischenzeitlich bestehen sogar drei unitarische Aktivenvereine in Würzburg. 1953 werden diese drei Vereine wieder zusammengeführt und ein Bootshaus im Alandsgrund zwischen Würzburg und Randersacker gepachtet – die Würzburger Unitas hat eine erste eigene Bleibe nach dem Krieg.

„1932 waren wir jung beieinander – 1950 wieder, und wir waren die gleichen – das besagt ‚Unitas‘“.
(Alfons Kempf, Weihbischof in Würzburg, Mai 1950)

1960 wird das heutige Unitas-Haus in der Schellingstraße im Frauenland erworben. Gleichzeitig lebt Unitas-Bavaria als zweiter Verein vor Ort wieder auf. Vor allem die Bavaria ist in diesen Jahren eine der führenden und aktivsten Verbindungen Würzburgs. Doch die Studentenunruhen von 1968 gehen auch an der Unitas nicht spurlos vorüber. Anfang der 1970er Jahre stellt Unitas-Bavaria das Vereinsleben ein. Seitdem ist die Muttercorporation Unitas-Hetania der einzige Unitas-Verein in Würzburg. Seit ca. 140 Jahren pflegt dieser Verein die unitarischen Prinzipien virtus – scientia – amicitia und bietet Studenten die Basis für ein gemeinsames Leben im katholischen Glauben, für wissenschaftliche Vertiefung und für tiefgehende Freundschaften über die Studienzeit hinaus.

„Wer keine Vergangenheit hat, hat auch keine Zukunft!“
(Dr. Hubert Pieterek, Wiederbegründer der Unitas in Würzburg nach dem Zweiten Weltkrieg)